Eigenschaften von Hypertext aus textlinguistischer Sicht
von André BräklingBei dem folgenden Text handelt es sich um eine Zusammenfassung von:
Angelika Storrer. Was ist “hyper” am Hypertext? In: Kallmeyer, Werner (Hrsg.): Sprache und neue Medien. Jahrbuch des Instituts für deutsche Sprache, S. 222–249, 2000. (ISBN 3-11-016861-8)
Storrer vertritt die Auffassung, dass sich Hypertext mit einigen begrifflichen Differenzierungen an den bestehenden Textbegriff anbinden lässt, wodurch ein neuer Textbegriff überflüssig wird. Nach einigen begriffs- und technikgeschichtlichen Hintergründen stellt sie die drei wichtigsten Merkmale des Hypertextes heraus: Hypertexte sind nicht-linear organisiert, erlauben die Mehrfachkodierung von Daten in verschiedenen Symbolsystemen (Text, Grafik, Video und Audio) und sind grundsätzlich computerverwaltet.
Die nicht-lineare Organisation zeigt sich dadurch, dass ein Hypertext kein abgeschlossenes, sequentielles Textgebilde ist. Stattdessen sind innerhalb eines Hypertextes verschiedene Einzeltexte (Module) durch Hyperlinks miteinander verbunden. Dadurch kann sich der Rezipient selbst einen Weg durch den Text suchen, um ihn selektiv zu lesen.
Sowohl die Nicht-Linearität, als auch die multimediale Mehrfachkodierung setzen nicht nur zur Produktion, sondern auch zur Rezeption von Hypertext Software voraus, die diese Funktionen entsprechend unterstützt. Dadurch ist die Verwaltung von Hypertexten durch Computer eine Voraussetzung, da sich solche Funktionalitäten in Druckwerken nicht umsetzen lassen. Unabhängig von Hypertexten müssen E-Texte betrachtet werden. Bei diesen handelt es sich lediglich um elektronisch dargestellte lineare Texte, die im Gegensatz zu Hypertexten ohne funktionale Einbußen ausgedruckt rezipiert werden können.
Die Bedeutung des “hyper” bezieht Storrer auf folgende Aspekte, die jedoch keine Definitionsmerkmale des Hypertextes sind, sondern lediglich seine Eigenschaften beschreiben:
- Mehr-als-Text: Hypertexte lassen sich unabhängig von ihrem Speicherort schnell und unkompliziert auf den eigenen Bildschirm holen. Dabei können sie auch über sich hinausgreifen, indem sie direkt auf andere Texte verweisen oder diese per Suchfunktion “entdeckbar” machen. Dies kann sowohl ein Lexikon auf CD-ROM mit entsprechenden Stöberfunktionen sein, ist aber auch das World Wide Web als weltumspannendes Dokumentennetzwerk.
- Noch-nicht-Text: Ein Hypertext ist nie in sich abgeschlossen und kann stets weitergeführt werden. Hierzu können sowohl die Autoren selbst, aber durch spezielle Funktionen (Mailantwort, Kommentarfunktion) auch die Rezipienten einen Beitrag leisten.
- Text in Bewegung: Der Text kann jederzeit verändert oder gelöscht werden. Solche ständige Aktualisierbarkeit geht zu Lasten von Beständigkeit und Verlässlichkeit. Im Gegensatz zum gedruckten Buch müssen bei Hypertexten im WWW stets auch Zeit- und Datumsangaben zu Quellenangaben hinzugefügt werden, damit zumindest ein gewisse Nachvollziehbarkeit gegeben ist.
- Interaktiver Text: Neben der Eingabe einer URL oder Suchabfragen kann der Rezipient auch auf viele weitere Arten mit dem Text interagieren, virtuelle Agenten simulieren beispielsweise Gesprächssituationen. Doch auch die Navigation im Text ist durch Hyperlinks interaktiv, denn der Nutzer kann das, was er lesen möchte, selbst aus einzelnen Modulen zusammenstellen.
Eine weitere Unterscheidung, die Storrer trifft, ist die Trennung von Hypertext und Hypertextnetzen. Als Hypertext kann ein thematisches Gesamtangebot aufgefasst werden, während Hypertextnetze wiederum Hypertexte untereinander (und ggf. mit weiteren Ganzheiten) verknüpfen. Ein Hypertextnetz ist z.B. das WWW an sich, aber auch die Webseite einer Hochschule kann als Hypertextnetz aufgefasst werden, dass wiederum in einzelne Hypertexte (Institutswebseiten) unterteilt ist.
In der Unterscheidung von Text und Diskurs (Text als raum-zeitlich zerdehnte, vom Produzenten gelöste Sprechsituation) nehmen Hypertexte einen eigenen Stellenwert ein. Zwar zeigen sie typische Merkmale von Text (zeitversetzte Distanzkommunikation), können aber ebenso schnell – auch auf Eingreifen des Rezipienten (z.B. E-Mail oder Kommentar, um auf einen Fehler hinzuweisen) – verändert werden. Zudem kompensieren sie durch verschiedene Funktionen die Nachteile des Textes gegenüber dem Diskurs, indem z.B. Chats mittels quasi-synchroner Distanzkommunikation virtuelle Face-to-Face-Situationen schaffen können.
Nicht-Linearität von Hypertexten ist nicht zwingend mit fehlender Sequenzierung gleichzusetzen. Der Rezipient hat die Sequenzierung lediglich selbst in der Hand und kann zudem durch eine geschickte Struktur vom Produzenten geleitet werden, indem dieser Einstiegspunkte vorgibt. Während ein Online-Telefonbuch keine Sequenzierung aufweist, kann z.B. ein Bestellvorgang durch eine klare, konzeptuell-lineare Struktur (Produktauswahl bestätigen, Adressangaben, Zahlungsmodalitäten, Bestätigung) realisiert werden.
Letztlich führt der Hypertext zur Verabschiedung zweier Vorstellungen des bisherigen Textbegriffes: Texte müssen nicht mehr abgeschlossen und durch statische Textgrenzen fixiert sein und Text wird nicht mehr nur als Sequenz konzeptionalisiert, sondern erlaubt durchaus auch Verflechtungen.
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