Killerspiele – Die unendliche Debatte
06.04.2009 von André BräklingFast vier Wochen nach den tragischen Vorkommnissen in Winnenden ist die nächste Killerspieldebatte wieder im vollen Gange. Die Hexenjagd begann somit erneut, ohne das man sich dem tatsächlichen Problem annähert. Immerhin wird mittlerweile an vielen Stellen deutlich sachlicher diskutiert als in vorherigen Fällen, eine Verurteilung der Spiele als Ursache für diese und ähnliche Taten erfolgt aber dennoch von vielen Seiten. In diesem Beitrag möchte ich drei Punkte zur Diskussion beitragen: Zunächst meinen persönlichen Vorbehalt zu einem Verbot, dann meine Befürchtung, dass ein solches Verbot die Problematik nur verschlimmert, und abschließend, was man meiner Meinung nach wirklich in Bezug auf solche Spiele unternehmen sollte.
1. Keine Kriminalisierung spielender Erwachsener!
Ich selbst bin mit Killerspielen aufgewachsen, jedoch sprach man damals noch von Egoshootern. Natürlich waren die damaligen Titel (z.B. die berühmten Shooter von id Software) weit vom heutigen Realismus entfernt, aber als Erwachsener spiele ich auch die modernen Titel, wie z.B. Bioshock, Hitman oder Half-Life. Sicherlich sind diese Spiele aufgrund der mittlerweile sehr realistischen Darstellung keine Kinderspiele mehr und gehören somit nur in die Hände von Erwachsenen.
Wozu würde nun ein Verbot der Spiele führen? Ein vollständiges Verbot, das auch den Besitz einschließt, halte ich nicht für durchführbar. Immerhin würden dadurch, wie im Titel überspitzt formuliert, tatsächlich Erwachsene krimininalisiert, die solche Spiele ihr Eigen nennen. Wobei mich teilweise bei der Art der Debattenführung nicht wundern würde, denn so mancher Gegner dieser Spiele eine öffentliche Verbrennung anregen würde. Im Falle eines reinen Verkaufsverbotes, was wohl wahrscheinlicher wäre, erkenne ich keinen Sinn darin die Jugend zu schützen, indem man den Erwachsenen ihre Unterhaltungstitel nimmt. Ansonsten gehören auch entsprechende Filme, Pornos, Sexspielzeug, Alkohol und vieles mehr verboten. Und ob ein Spiel für einen Erwachsenen geschmacklos ist, sollte dieser doch selbst entscheiden können.
Übrigens halte ich es für unsinnig Spiele aus Auslöser für diese Taten zu betrachten. Vielleicht spielen die Täter solche Spiele besonders gerne, vielleicht können die Spiele auch eine gewisse Verstärkung darstellen, doch als Ursache kann man sie rein empirisch nicht werten: Millionen von Jugendlichen und Erwachsenen konsumieren die Games regelmäßig – wären sie der Auslöser, so müsste sich die Republik angesichts unzähliger Amokläufe längst in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befinden. Zudem besaß der Südkoreaner, der 2007 in den USA Amok lief, weder Killerspiele noch Gewaltvideos. Und noch was: In der Menschheitsgeschichte kam es immer wieder zu grausamen Gewalttaten – auch lange bevor die sogenannten Killerspiele das Licht der Welt erblickten.
2. Gütesiegel Verbot
Es kommt nicht von ungefähr, dass nach § 15 Abs. 1 Nr. 6, Abs. 4 und 5 JuSchG “die Liste der jugendgefährdenden Medien nicht zum Zweck der geschäftlichen Werbung abgedruckt oder veröffentlicht werden” darf. Die Indizierung kommt aus Sicht von Jugendlichen einem Ritterschlag für das Spiel gleich, weshalb zu befürchten ist, dass auch ein Vebot ein Spiel wie ein Gütesiegel attraktiver machen würde. Das kann man übrigens auch an bisherigen Beschlagnahmungen nachverfolgen, denn Hundefelsen 4E (Titel verfremdet) hat seinerzeit einen enormen Kultstatus erreicht.
Wer nun einwirft, dass die Interpretation als Gütesiegel doch egal sei, da die Jugendlichen das Spiel ja nicht erwerben können, zeigt seine Unkenntnis der Thematik. Denn schon damals kursierten die für Jugendlich auf dem normalen Weg nicht zugänglichen Spiele auf Diskette unter der Schulbank… heute in Zeiten des Internets ist es noch leichter, an den Wunschtitel zu kommen. Natürlich funktioniert dieser Weg auch, wenn lediglich der Verkauf an Jugendliche unterbunden wird, aber dann ist es zumindest zu keiner Glorifizierung des Titels gekommen.
3. Sinnvoller Umgang mit der Killerspielthematik
Was soll man also tun, wenn diese Spiele eigentlich nur in die Hände Erwachsener gehören, ein Verbot aber nicht akzeptabel und auch nicht sinnvoll ist? Zunächst sollte man darauf achten, dass die existierenden Regeln eingehalten werden. Dazu muss man nicht die USK-Logos größer auf die Schachtel drucken, wie zuletzt geschehen (u.a. mit dem kuriosen Nebeneffekt, dass das “Ohne Altersbeschränkung”-Logo auf einem DS-Spongebob-Titel fast das Gesicht des durchgeknallten Schwamms verdeckt) – denn wenn Verkäufer und Eltern mit diesen Logos nichts anfangen können, dann ist es auch egal wie groß es aufgedruckt wird. Eher sollte man also das Verkaufspersonal und auch die Eltern für die USK-Einstufungen und deren Kennzeichnung sensibilisieren. Wir haben in Deutschland mit den strengsten Jugendschutz (wenn nicht sogar den strengsten überhaupt) in Bezug auf solche Spiele. Statt ihn weiter zu verschärfen sollte man also erstmal schauen, wie man Gegebenes richtig einsetzen kann.
Doch wie ich bereits bei meinen Erläuterungen zum Verbot beschrieben habe, werden die Jugendlichen problemlos Wege finden, die Spiele an allen Kontrollinstanzen vorbei zu erhalten. Hier helfen also weder Verbote noch streng eingehaltene Richtlinien, sondern man muss in eine ganz andere Richtung denken. Statt eine Überforderungen der Eltern festzustellen und somit die Verantwortung für den Medienkonsum des Nachwuchses nach und nach in die Hände von Vater Staat zu legen, sollte man lieber Wege suchen den Eltern die notwendige Kompetenz zu vermitteln. Wenn sich in Kinderzimmern Geräte befinden, die die Eltern nichtmals anschalten geschweige denn verstehen können, und man diesen Geräten dann die Erziehung der Kinder (in Hoffnung auf staatliche Regulierung) überlässt, dann läuft einiges anderes bei uns schief.
Verschiedene Träger (z.B. Jugendorganisationen oder Schulen) könnten Vorträge und Schulungen anbieten, die die Eltern mit dem Thema Videospiele vertraut machen. Was gibt es für Spiele? Was macht ihren Reiz aus? Und vor allem auch: Worum geht es? Während die Medien meist verkünden, es ginge um das gezielte und möglichst brutale Töten von Menschen, sieht die Realität doch oft anders aus, denn viele Spiele belohnen gewaltfreie Lösungen oder präsentieren monsterartige Wesen statt unschuldiger Menschen als Gegner.
Doch die Sensibilisierung der Eltern sollte nicht das Ziel verfolgen, dass sie nun wissen, was sie ihren Kindern verbieten müssen, oder dass sie den Rechner in bester Geheimdienstmanier auf “böse” Software untersuchen können. Eher sollten sie die Geschehnisse im Kinderzimmer zu verstehen, sich die Spiele mit ihren Kindern gemeinsam anschauen und insbesondere mit ihnen darüber reden können.
Wenn der 17jährige Sproß sich dann gemeinsam mit Papa durch eine Ab-18-Welt kämpft, dann halte ich das für eine akzeptable Alternative zur Isolation vom Elternhaus oder gar zur vollständigen sozialen Isolation. Hoffnung macht immerhin, dass die ersten Elterngenerationen schon selbst mit Videospielen aufgewachsen sind und so ganz anders an das Thema herangehen können. Die Gesellschaft muss nun nur Eltern, die diese Erfahrungen nicht selbst machen konnten, die Möglichkeit geben, sich auf die Thematik vorzubereiten.
Und wenn wir dann schon über die Verantwortung der Eltern gesprochen haben, dann sollten nun auch die Medien beginnen, sich über ihre Verantwortung Gedanken zu machen. Dazu empfehle ich diesen Beitrag von Stefan Niggemeier.
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