Warum die Piratenpartei nicht wählbar ist…

29.06.2009 von André Bräkling
t3n Social News  

piraten

Der zweite Teil zum diesem Artikel findet sich unter … und wie man es besser machen könnte!

Am 10. September 2006 gründete sich eine weitere Partei, die die deutsche Politiklandschaft mit aktuellen und bisher eher stiefmütterlich betrachteten Themen der modernen Informationsgesellschaft bereichern will: Die Piratenpartei. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat sie wohl insbesondere der aktuellen “Zensursula”-Debatte zu verdanken, was sich auch in einem Achtungserfolg bei der vergangenen Europawahl bemerkbar machte (0,9% bei einem Minimalziel von 0,5%). Obwohl ich mich mit recht vielen, wenn auch nicht allen, Positionen der Piraten innerhalb der Kernpunkte anfreunden könnte, halte ich sie nicht für eine wählbare Partei. Warum möchte ich an dieser Stelle natürlich gerne erläutern.

Bei einem Blick in das Parteiprogramm der Freibeuter findet man 6 politische Kernpunkte:

  1. Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung
  2. Privatsphäre und Datenschutz
  3. Patentwesen
  4. Transparenz des Staatswesens
  5. Open Access
  6. Infrastrukturmonopole

Ganz klar alles interessante Themen, die insbesondere der Netzgemeinde (und damit wohl auch einem Hauptteil der Zielgruppe) sehr am Herzen liegen sollten. Hat man sich nun aber mit diesen Punkten auseinandergesetzt, stellt sich dem politisch interessierten Menschen schnell die Frage, wie die Partei zu weiteren essentiellen politischen Kernpunkten steht. Wirtschaftspolitik? Umweltpolitik? Außenpolitik? Zunächst absolute Fehlanzeige. Im Wiki wird man dann jedoch fündig, aber ohne wirkliche Antworten zu erhalten. Stattdessen werden diese Bereiche auf der Seite Themenvorschläge gesammelt und munter diskutiert.

So weit, so gut. Aber wann soll der geneigte Wähler denn erfahren, wie sich die Piraten zu diesen enorm wichtigen Punkten positionieren? Die Europawahl ist vorbei… und beim Betrachten der einzelnen Wikiseiten habe ich nicht das Gefühl, dass sich hier bis zur Bundestagswahl etwas Konkretes ergeben wird. Sprich: Man soll eine Partei wählen, die ein Thema recht gut beackert, aber in den anderen, nicht minder wichtigen Bereichen lediglich eine Wundertüte anbietet.

Mit einem Blick auf Diskussionen, die sich mit genau diesem Problem auseinandersetzen, wird recht schnell erklärt, dass sich die Piratenpartei nunmal als recht klare Interessenvertretung versteht. Durchaus eine berechtigte Sichtweise, aber sie macht die Partei nicht wählbarer. Anders wäre dies, wenn man z.B. direkte Vertreter in einzelne Fachgremien wählen könnte. Doch in unserer parlamentarischen Demokratie wählen wir nunmal Politiker, die unsere Interessen in den Parlamenten vertreten sollen. Erhält nun ein Pirat einen Platz in einem solchen Parlament, sehe ich momentan nur zwei Möglichkeiten:

  • Der Abgeordnete stimmt nur bei Themen, die innerhalb der konkretisierten Inhalte der Partei liegen. Somit wäre die Vertretung der Interessen natürlich gewahrt, aber es wäre auch eine Stimme der Vertretung im Parlament (z.B. Staat gegenüber EU oder Land gegenüber Bund) bei allen anderen Abstimmungen verschenkt.
  • Der Abgeordnete stimmt nach bestem Wissen und Gewissen ab. Sofern er sich nicht selbst entsprechend vor der Wahl positioniert hat (bzw. alle potentiellen Kandidaten der aufgestellten Liste) muss sich der Wähler hier erstmal überraschen lassen. Eine Ableitung aus den Grundsätzen der Partei ist hierbei kaum möglich, wenn man die teils kontroversen Diskussionen im Wiki verfolgt.

Beim zweiten Punkt kommt erschwerend hinzu, dass die Grundinteressen der Piraten ja durchaus von Personen vertreten werden können, die bei anderen Themen die Position einer bereits existierenden politischen Couleur innehaben. Zum Beispiel widerspricht eine Ablehnung der Netzsperren ja nicht den anderen Themen der bereits existierenden Parteien. Denn auch wenn SPD und CDU nun als “Zensurparteien” verschrien werden, ist das Thema trotz der klaren Stimmverhältnisse zum Gesetzentwurf innerhalb der Parteien nicht unumstritten, wie auch solche Blogbeiträge zeigen. Als Wähler könnte ich so also unwissentlich einen netzaffinen Menschen mit ansonsten grüner, liberaler, sozialdemokratischer, christdemokratischer oder gar noch anderer Ausrichtung in mein Parlament befördern. Ganz ehrlich? Da wähle ich lieber, wo auch drauf steht, was drin ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wählt man die Piraten, dann bekommt man eine partielle Interessenvertretung und eine Katze im Sack als Gratis-Zugabe.

Nun kommt natürlich die Frage: Wie soll man es denn besser machen? Oder: Was würdest Du denn machen bzw. was machst Du denn stattdessen? Darauf habe ich natürlich auch eine Antwort, die ich später in einem zweiten Teil gerne geben werde.

Update: Der zweite Teil zum diesem Artikel findet sich unter … und wie man es besser machen könnte!

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Kommentare & Trackbacks

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Tom

Jetzt kommt von mir wieder das, was schon häufig gesagt wurde,
aber es stimmt einfach:
Die Grünen haben auch mal klein angefangen und den Fokus auf die
für sie wichtigen Punkte gelegt. So ist das bei den Piraten jetzt
auch.

Und ganz ehrlich:
Lieber wähle ich eine Partei, die offen sagt
“da haben wir uns noch nicht festgelegt / kennen uns noch nicht aus”
als CDU/CSU & SPD, die sich ganz offensichtlich nicht mit dem
Thema Internet auskennen, aber trotzdem fröhlich ohne Einbeziehung
der Meinung von Experten und der Öffentlichkeit über ein Gesetz
entschieben haben..

Nur mal so eine Vermutung, aber ich würde den Grossteil der Piraten
irgendwo zwischen Grün & Rot sehen.
Dies hat sich beim schwedischen Europaparlaments-Abgeordneten der
Piraten ja auch so gezeigt, see:
http://netzpolitik.org/2009/schwedischer-pirat-geht-wohl-in-gruene-ep-fraktion/

André Bräkling [www]

Natürlich steht es auch den Piraten zu, einmal klein anzufangen. Aber das ändert nichts am derzeitigen “status quo”. Hinzu kommt, dass auch bei Union und SPD mittelfristig die “Neue Medien”-Generation nachrücken wird, wodurch auch dort Änderungen stattfinden werden. Fraglich ist, ob die Piraten dann weiter Boden gutmachen könnten, oder ob sie in Folge dessen langsam wieder von der politischen Bühne verschwinden. Eine vergleichbare Bewegung im “Rücken”, wie im Falle der Grünen, sehe ich bei den Piraten nicht.

Tom

Hmmm .. das WWW gibt es jetzt seit ziemlich genau 20 Jahren.
Zugegeben, richtig populär erst seit 1993 (als der erste kostenlose
Browser mit Unterstützung von Grafiken rauskam) …
Und selbst wenn wir sagen, es ist “erst” seit 10 Jahren richtig
bei den Massen angekommen, finde ich es trotzdem ein Armutszeugnis
unserer regierenden Parteien.

Zum Thema “Neue Medien”-Generation: Die ist ja schon da..
Die Jusos haben die letzte Entscheidung (Zugangserschwerungsgesetz)
so gar nicht toll gefunden; trotzdem sind sie einfach ignoriert worden;
Genau wie der Online-Beirat der SPD und div. Experten.

Ich will nicht noch 10 Jahre warten, bis der “Generationen-Konflikt”
sich von selbst in Wohlgefallen auflöst.

Ausserdem sehe ich bei den Piraten weit mehr Potential als nur
“freies, unzensiertes Internet für alle”.
Vorratsdatenspeicherung, Video-Überwachung, etc.. sind alles
Themen, die dringend ernsthaft diskutiert werden müssen.

Und/Aber du hast in einem Punkt definitiv recht: Vielleicht, wenn
irgendwann alle Ziele zur Sicherung der Meinungsfreiheit,
Abschaffung von Überwachung, usw. im Sinne eines demokratischen
Rechtsstaats geklärt sind, dann – genau dann ist die Piratenpartei
nicht mehr notwendig.
Aber die letzten Jahre haben eben gezeigt, dass unser Staat
anscheinend Angst vor seinen (fortschrittlich aufgeschlossenen
Bürgern) hat… Deshalb wird verboten, was nicht begriffen wird.

Bestes Beispiel:
http://www.heise.de/newsticker/CDU-Politiker-prueft-Websperren-fuer-Gewaltspiele-ernsthaft–/meldung/140763


Long story, short: Progression statt Stagnation

“Ein Volk sollte keine Angst vor der Regierung haben.
Die Regierung sollte Angst vor ihrem Volk haben!”

Socrates

Auch wenn Deine Argumentation soweit ganz vernünftig erscheint, muss ich doch dem Kommentar von Tom absolut Recht geben. Eine “Splitterpartei”, (was die Piraten mit ihren durchaus beachtlichen 0,9% dennoch bislang noch sind), die sich hinstellt und ein breites politisches Meinungsspektrum oder gar Parteiprogramm propagiert, halte ich vor allem für eines: unglaubwürdig.

Und genau das führt mich auch zu dem Punkt, bei dem ich Dir am allerwenigsten Zustimme: “Ganz ehrlich? Da wähle ich lieber, wo auch drauf steht, was drin ist.”

Ganz Ehrlich? Glaubst Du ernsthaft, bei den etablierten Parteien ist das drin, was draufsteht? Also was da an rhetorischen Phrasen gedroschen wird, insbesondere wenn es auf Wahlen zugeht, ist für mich nicht mehr als Augenwischerei vom Allerfeinsten. Sowas ist für mich doch weitaus weniger wählbar.

André Bräkling [www]

Es freut mich, dass sich hier eine Diskussion auftut :)

@Tom: Du hast weitgehend recht, vergisst aber ein wichtiges Detail. Es geht um Wahrnehmung, nicht um “Wissen” oder “Nicht-Wissen”. Abgestimmt haben weitgehend Menschen für die das Argument “Zensur” bei Sperrung von Kinderpornographie nicht sinnvoll erscheint. Trotzdem nutzen diese Menschen das Internet, aber sie haben einen ganz anderen Blick darauf.

Hier ist zunächst Gesprächsbedarf, aber leider ist die “Kontra-Seite” zu sehr mit witzigen Videos oder Grafiken beschäftigt. Beispiel: Ich habe von einem Abgeordneten gehört, der über 100 persönliche Anfragen bekam (Anruf, Gespräch), als es um ein Paintball-Verbot ging. Persönliche Anfragen zum Thema Netzsperren konnte er an einer Hand abzählen. Er kennt also keine Argumentation (außerhalb von Blogs & Co. fand diese kaum Beachtung), sondern nur den Vorwurf der Zensur bei Sperrung der genannten Inhalte. Dieser Mann kann es nicht besser wissen, ohne dabei zu wissen, dass es mehr zu wissen gäbe. Also handelt er nach bestem Gewissen und ich kann es ihm, auch wenn ich es bedauere, nicht verübeln.

Ich durfte vor zwei Wochen kurzfristig für einen Festredner einspringen und habe die Netzsperren thematisiert. Tatsächlich konnte ich auch bei den älteren Besuchern zumindest einen “Überdenkprozess” einleiten. Nicht alle haben nachher meine Meinung übernommen, aber viele haben die Argumente zum ersten Mal überhaupt gehört!

Das ist nun eine Entwicklung, die a) mittelfristig gelöst wird, wenn JU oder JuSos nachrücken, und die b) zu unseren Gunsten beeinflusst werden kann, wenn wir endlich den persönlichen Dialog suchen. Mehr dazu auch in Teil 2… und nur vorweg: Jetzt zur Bundestagswahl werdet ihr Chance zu persönlichen Gesprächen haben. Nutzt es zur sinnvollen Diskussion! Denn die suchen die Wenigsten…

Übrigens geht es mir nicht nur um das freie, unzensierte Internet. Die anderen Themen sind mir ebenso bekannt, aber sie kreisen in einem gleichen Spektrum. Antworten auf weitere, zum Teil sogar wichtigere politische Fragen liefern auch diese nicht.

@Socrates: Deine Fragen beantworte ich in Teil 2. Es wäre kontraproduktiv, dies jetzt alles nochmal für den Kommentar hier zusammenzuschreiben. Ich hoffe, dir morgen meine persönlichen Antworten liefern zu können und würde mich freuen, wenn du diese liest und nochmals Feedback gibst.

Noch als kleine Anmerkung, weil dies für diejenigen, die nicht via Twitter kommen, vielleicht nicht ersichtlich ist: Mein Parteibuch ist schwarz, aber dennoch bin ich mit dem Beschluss der Regierungskoalition nicht einverstanden.

Sisyphos [www]

So zementiert man den Status Quo. Keine neue Partei hätte eine Chance, ausser ein großer Teil einer ‘alten’ Partei spaltet sich ab und nimmt ein Großteil des Programms mit.
Die Piratenpartei mag nicht zu Allem eine Meinung haben, was sie aber aus meiner Sicht glaubwürdig macht. In vieler Hinsicht besser als viele Vertreter der etablierten Parteien, die oft keine Ahnung, aber immer eine Meinung haben.

André Bräkling [www]

Wir bewegen uns jetzt vom ursprünglichen Thema weg. Ich möchte der Piratenpartei nicht ihr Existenzrecht absprechen, sondern lediglich sagen, dass sie in der jetzigen Form (nach meiner Meinung) nicht wählbar ist.

Nur weil die Partei zu einem Punkt keine Meinung äußert, wird sie dadurch nicht glaubwürdiger. Denn wenn die Partei keine Meinung z.B. zur Außenpolitik hat, bedeutet dies nicht, dass der gewählte Abgeordnete in diesem Punkt auch keine Meinung hat. Ich würde sogar sagen, dass jeder Mensch eine Meinung hat – unabhängig von seinem Wissensstand (siehe oben: Wahrnehmungsproblem).

Fehlende Programmpunkte machen die Partei demnach nicht glaubwürdiger, sondern einfach unberechenbarer. Ob z.B. wirklich jeder Schwede, der dort die Piraten gewählt hat, auch tatsächlich die grüne Fraktion im EP stärken wollte? Ich denke eher nicht.

Konsequent und wohl auch der Glaubwürdigkeit zuträglich wäre es dann nur, wenn der Freibeuter im Parlament tatsächlich lediglich an Abstimmungen teilnimmt, die sich mit den im Parteiprogramm erfassten Themen widmen. Dann wäre aber, wie im Beitrag beschrieben, der Abgeordnetenplatz in vielen wichtigen Fragen verschenkt.

Ich hoffe, dass ich es heute am späteren Abend endlich schaffe, Teil 2 fertigzustellen. Vielleicht wird dann einiges klarer.

Anonymous

PIRATENPATEI FTW^^

Ich find sie gut weil sie sind jung und kennen sich mit ihr ding aus nicht so wie de alten säcke da oben die kp haben abertrozdem labern..


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