Richard Stallman, Cloud Computing und Marketingkampagnen
von André BräklingSoeben habe ich auf Golem.de einen gestrigen Bericht über ein Gespräch, das der Guardian mit GNU-Gründer Richard Stallman führte, entdeckt. Darin bezeichnet Stallman “Cloud Computing” als Falle und tut die Behauptungen, dieses sei unvermeidbar, als “marketing hype campaign” ab. Mit Cloud Computing sind Anwendungen gemeint, die auf zentralen Servern laufen und von Nutzern nur noch abgerufen werden. Bestes Beispiel ist Googles “Text und Tabellen” (Google Docs). Hierbei handelt es sich sozusagen um ein Web 2.0-Office-Paket. Die Anwendungen laufen direkt im Browser, der Nutzer speichert seine Dokumente bei Google. Lokal installierte Office-Software ist somit nicht notwendig.
Womit begründet Stallman seine Kritik? Zwei Punkte stehen im Vordergrund:
- Die genannten Anwendungen seien eine Falle, die die Nutzer in die Verwendung proprietärer Software (Proprietär hier: nicht freie Software) locken soll. D.h. während die Software derzeit noch kostenlos ist, könnten nach und nach immer größere Kosten durch deren Nutzung entstehen.
- Man übergibt seine Daten an einen fremden Anbieter und ist diesem damit schutzlos ausgeliefert.
Außerdem ist seine Behauptung interessant, dass Aussagen der Kategorie “Cloud Computing ist unvermeidbar” teil einer Marketingkampagne sind. Unter anderem sagt er:
“The computer industry is the only industry that is more fashion-driven than women’s fashion.”
Ganz frei übersetzt:
“Die Computerindustrie ist die einzige Industrie, die stärker modegeleitet ist als die Damenmode.”
Damit schießt es sich aber ein klassisches Eigentor: Ist derzeit nicht gerade freie Software in “Mode”? Und sind seine reißerischen Parolen im genannten Artikel nicht genau das, was er der Gegenseite vorwirft? Eine Marketingkampagne? Nur eben für freie Software?
Mit dem zweiten Kritikpunkt gebe ich ihm recht. Insbesondere im Arbeitsumfeld würde ich auch von einer Nutzung solcher Dienste wie “Text und Tabellen” abraten. Aber hier wird ein ganz andere Aspekt vollkommen ausgeblendet: So könnte ein Anbieter solcher Dienste (statt diese, wie von Stallman befürchtet, kostenpflichtig zu machen) die Software an Unternehmen zum Einsatz auf eigenen Servern verkaufen. Die Unternehmen haben dadurch die Vorteile des Cloud Computings (starke Einsparungen bei Arbeitsplatzrechnern, die als Terminals ohne spezielle Software “out-of-the-box” laufen können) mit der unternehmensinternen Sicherheit (durch Speicherung der Daten auf eigenen Servern) kombiniert. Aber solche Szenarien werden bei den genannten Artikeln vollkommen außer Acht gelassen.
Ganz bitter ist aber, dass GMail (in Deutschland: Google Mail) als Beispiel für Cloud Computing hinzugezogen wird. Denn hierbei handelt es sich nur um einen klassischen Maildienst mit einer mächtigen Webapplikation zu dessen Nutzung – und solche Maildienste gibt es, wenn auch mit vielleicht weniger guten Weboberflächen, seit langer Zeit zu genüge. Wer über keinen eigenen Mailserver verfügt ist schon immer von Maildiensten abhängig gewesen, entweder vom eigenen Provider oder von weiteren Diensten wie GMX, Web.de und viele andere. Hier wäre das von mir als Beispiel genannte “Text und Tabellen” doch die bessere Grundlage für diese Kampagne gewesen. Noch schlimmer ist aber, dass beide Quellen die Kritik an GMail unreflektiert weitertragen.
Zwar hat Mr Stallman in diversen Punkten recht bzw. sieht tatsächlich mögliche Probleme, aber er sollte es vermeiden “Marketingkampagnen” im Rahmen einer eigenen Kampagne zu unterstellen. (Mal davon abgesehen, dass Marketingkampagnen doch nun wirklich nichts ungewöhnliches sind.) Dies würde auch zu seiner eigenen Glaubwürdigkeit beitragen. Wobei… solange seine Ansichten durch die Medien ohne kritische Betrachtung dieser weitergetragen werden, solange muss er wohl auch nicht seine Strategie ändern.
Bild: Richard Stallman – Bildquelle: www.stallman.org – Bildlizenz: Creative Commons Noderivs license version 3.0 or later (siehe Bildquelle)
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