Google Chrome und mein erster Absturz

04.09.2008 von André Bräkling
t3n Social News  

Seit Dienstag ist es also soweit – Google Chrome, die große Attacke auf den Browsermarkt, ist als Betaversion verfügbar. Als Webentwickler kam ich natürlich nicht darum herum mir das neue Prunkstück aus der Google-Produktreihe anzusehen.

Das gute Stück ist nett gestaltet und die Menüführung ist platzsparend, so dass viel Raum für den eigentlichen Inhalt bleibt. Viele Funktionen sind direkt mit Google verknüpft. Beispielsweise ist die Adressleiste, die zeitgleich als Suchleiste dient, so konzipiert, dass Google bei Eingabe von Text bereits entsprechende Suchvorschläge macht. Ähnlich kennt man es aus dem Firefox. Sicherlich werde gerade diese Funktionalitäten in den nächsten Wochen wieder zu ausführlichen Diskussionen über den Datenschutz führen. Die Frage ist letztlich, was Google mit den gesammelten Informationen macht. Wenn die AdSense-Werbeanzeigen zukünftig per Cookie auf meinen Geschmack angepasst werden, stört mich dies nicht sonderlich – ganz im Gegenteil empfinde ich diese Form der Werbung als angenehmer (und sinnvoller) im Vergleich zum blinden Bombardement mit uninteressanten Anzeigen. Wird jedoch an Hand meines Google Logins, des Google Mailkontos, der Informationen über meine Person aus dem Internet und schließlich aus meinem Surfverhalten durch AdSense-Cookies und Chrome-Nutzung ein komplettes Persönlichkeitsprofil verknüpft mit persönlichen Daten angelegt, so wäre dies sehr bedenklich und würde mich dazu bringen, die Services von Google zukünftig zu meiden. Aber jetzt habe ich mich schon viel zu weit vom Thema wegbegeben… hier sollen sich die Datenschutzexperten streiten. Immerhin: Google hat die Nutzungsbedingungen in den USA bereits entschärft [Golem].

Also zurück zur eigentlichen Software: Von der Funktionalität her hat der Browser weitegehend altbekanntes zu bieten und zimmert verschiedene Vorteile von Firefox, Opera und des IE zusammen. Schlecht ist dies keinesfalls, jedoch läßt Chrome noch einiges vermissen. Hier liegt die Hoffnung sicherlich langfristig bei einer Plugin-Community. Firefox macht es schon sehr gut vor.

Als wirkliches Highlight wird die neuentwickelte JavaScript-Engine angepriesen, da sie deutlich schneller sein soll. Dies wird auch durch verschiedene Benchmarks bewiesen [Golem]. Damit eignet sich der Browser natürlich insbesondere für komplexe Webapplikationen, wie sie zufällig auch von Google angeboten werden.

Eine weitere Besonderheit ist, dass jeder Tab des Browsers einen eigenen Prozess darstellt. So soll ein abgestürztes Plugin oder ein problematisches JavaScript auch nur Auswirkungen auf eben jenen Tab haben. So sollen neben vollständigen Abstürzen auch “Hänger” der Software nicht den ganzen Browser in Mitleidenschaft ziehen. Dieses Feature durfte ich unfreiwillig direkt in meinem ersten Browsertest zu schätzen lernen: So rief ich mit Chrome ein normales YouTube-Video auf, woraufhin Windows die Meldung brachte, Google Chrome habe ein Problem verursacht. Doch tatsächlich schmierte nicht das gesamte Programm ab. Stattdessen war auf der YouTube-Seite statt des Videos ein schwarzes Feld mit einem “ausgeknockten Comic-Puzzleteil” zu sehen. Oben im Fenster erschien eine Meldung (vergleichbar mit den Hinweisen aus IE und Firefox), die mich darauf aufmerksam machte, dass das Shockwave Flash Plugin Probleme machen würde. Ansonsten funktionierte alles einwandfrei. Damit ist diese Prozesstrennung super implementiert. Leider hält sich die Freude darüber in Grenzen, da der Fehler beim ersten Aufruf eines Google-eigenen Dienstes auftrat. Jedoch muss man an dieser Stelle noch berücksichtigen, dass es sich um eine Beta handelt, dass Shockwave ein externes Plugin ist, und dass nach dem Aktualisieren der Seite alles normal funktionierte. Übrigens ist ein ähnliches Feature (die Prozesstrennung, nicht der Plugin-Absturz) für den IE 8 geplant.

Ein weiteres bekanntes Feature (aus Safari und dem kommenden IE 8 ) hat den Weg in die Software gefunden: das “Incognito-Fenster”, auch scherzhaft “Pornomodus” genannt (wobei dies natürlich nicht der einzige Einsatzgrund ist). Öffnet man ein solches Fenster und surft darin, werden beim Schließen des Fensters alle lokalen Spuren (Chronik, Cache, etc.) in Bezug auf dieses Fenster gelöscht. So müssen Caching-Funktionen weder vollständig deaktiviert noch der gesamte Cache nach sensiblen Websitzungen gelöscht werden.

Fazit: Der neue Browser ist interessant und wird den Markt sicher weiter beleben. Außer der neuen JavaScript-Engine finden sich aber kaum wirkliche Neuerungen bzw. nichts, was nicht anderswo in ähnlicher Form angekündigt ist. Durch Googles Marktmacht ist dennoch mit einer schnellen Verbreitung von Chrome zu rechnen, weshalb es sich empfiehlt diese Software im Auge zu behalten. Weiter ist natürlich interessant, wie sich die Datenschutzfrage weiterentwickelt, zumal jeder installierte Browser eine eindeutige Nummer erhält [Golem]. Mich ärgert zunächst eigentlich nur, dass ich wohl langfristig meine Webapplikationen mit einem weiteren Browser testen muss.

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