[Update] Wieso das angebliche Ende der Blogs nicht eintreffen wird
04.01.2009 von André BräklingDas Ende der Blogs wird regelmäßig heraufbeschworen, aber zum Jahreswechsel wurden wir wieder mit einer Fülle solcher Meldungen überschüttet. Bereits im Oktober letzten Jahres hat Robert mal einen kurzen Rückblick auf die diversen Nachrufe zur Blogosphäre gewagt.
Doch wie kommt es zu solchen Meldungen? Und vor allen Dingen: Wieso trifft das immer wieder angekündigte Ende der Blogs seit Jahren konstant nicht ein? Einfach nur, weil Totgesagte länger leben? Nein. Es geht ganz einfach darum, dass die Blogosphäre meist unter falschen Gesichtspunkten betrachtet wird, oder dass schlichtweg verallgemeinert wird. Bestes Beispiel für eine solche Verallgemeinerung ist die Begründung auf Admartinator.de zur Umstellung von einem Blog auf einen Lifestream:
Blogs sind tot. Ok, vielleicht noch nicht ganz – aber fast. Denn seit Microblogging via Twitter und Co. fehlt dem populären Medium die Schnelligkeit, die noch vor kurzer Zeit den Reiz des Bloggens ausgemacht hat. Auch ohne Blog hinterlasse ich Spuren im Netz. Ein paar davon sammele ich hier im Lifestream.
Offenbar findet Martin Sauer mehr Gefallen daran, einen solchen Livestream anstelle eines Blogs zu betreiben. Wieso er dadurch jedoch auf die Allgemeinheit schließt, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Das Argument der Schnelligkeit ist leicht außer Kraft zu setzen: Auch in meinem Blog kann ich minütlich 140-Zeichen-Posts raushauen… und das sogar genauso einfach wie es via Twitter möglich wäre. Meine Follower finde ich in meinen Feeds, lustige Bilder meiner Leser kann man problemlos in das eigene Blog einfügen. Der Vorteil ist sogar, dass jemand ohne einen Account bei irgendeinem Dienst meinem Blog folgen kann – er erscheint nur nicht in der Bildergalerie. Eine Bezugnahme auf andere ist ebenso möglich wie das zusätzliche Einfügen meiner Blogbeiträge in Twitter. So hat jeder etwas davon.
Doch zurück zum Allgemeinen: Die selbsternannten Totengräber gehen meist (wie oben schon erwähnt) von gänzlich falschen Voraussetzungen aus. Sie betrachten Blogs als autonome Medien, deren Zeit vorbei ist. Aber genau das sind Blogs nicht. Es sind eher konkrete Ausformungen des WorldWideWeb, quasi Anwendungsformen oder Werkzeuge. Letztlich geht es um Hypertexte, die sich durch Vernetzung untereinander und interaktive Diskussionsmöglichkeiten auszeichnen. Deswegen ist die Grenze sehr schwammig und oft nur auf Basis der verwendeten Software und des Anspruchs des Betreibers zu ziehen. Hier ein paar Beispiele:
- Golem.de bietet über ein Forum die Möglichkeit Beiträge zu diskutieren und erlaubt sogar Trackbacks. Sogesehen handelt es sich um ein großes Blog, betrachtet wird es aber eher als klassische Nachrichtenseite. Oder anders: Wird Tagesschau.de zum Blog, wenn die Nachrichten um eine Kommentarfunktion erweitert werden?
- Wenn ich ein Forum eröffne, in dem nur ich selbst Themen erstellen, aber jeder antworten kann – ist es dann ein Forum oder ein Blog? Gleiches gilt für ein Wiki, indem ich nur die Diskussionsseite zum Bearbeiten freigebe.
- Ist Twitter wirklich etwas gänzlich Neues? Oder ist es vielleicht nur ein Blogger.com mit 140-Zeichen-Grenze und integriertem Feedreader?
Die Liste kann ewig fortgesetzt werden. Natürlich wird Twitter aus rein praktischen Gründen anders verwendet als WordPress. Sicher ist es kaum sinnvoll eine Forensoftware als Blog zu nutzen. Ja, und Tagesschau ist letztlich ein professionell betriebenes Nachrichtenportal und unterscheidet sich in den Inhalten und den Ansprüchen deutlich von einem typischen Blog. Aber letztlich kommen wir immer wieder darauf zurück, dass es sich einfach um Varianten von Webseiten handelt. Eventuell werden Blogs in zehn Jahren anders aussehen, vielleicht nennt man sie auch nicht mehr Blogs – aber solange Menschen das WWW nutzen, um sich über Hypertext mitzuteilen und zu diskutieren, solange kann man nicht von einem Ende der Blogs sprechen. Wenn überhaupt kann es Veränderungen geben.
Sicherlich mag es viele geben, die jetzt lieber Twitter nutzen, weil es bequem und für die eigenen Ansprüche ausreichend ist. Wer sein Blog nur nutzt, um seine neusten Webaktivitäten zu loggen, wird vielleicht aus praktischen Gründen auf einen automatisierten Lifestream umsteigen. Ich selbst werde beispielsweise auf diesem Blog zukünftig keine Programmier-Tutorials mehr veröffentlichen, sondern dafür aus (rein praktischen Gründen) eine andere Plattform öffnen. Aber dieser Beitrag hier wäre dort fehl am Platze… und wenn ich ihn in 140 Zeichen packen würde, gingen doch einige Informationen verloren (hoffe ich zumindest…). Twitter ist ein anderes Werkzeug als Blogs es sind. Somit wird es für andere Anwendungen genutzt, wodurch eine Koexistenz problemlos möglich ist.
Als Fazit kann man also festhalten, dass die Blogs nur deswegen regelmäßig totgesagt werden, weil immer wieder missachtet wird, dass etwas Neues etwas Altes nur dann verdrängen kann, wenn die Anwendungsgebiete identisch sind. Uns fallen ja auch nicht die Beine ab, weil es Autos gibt.
Was aber beispielsweise schneller, besser oder schöner ist – Twitter, Blogs oder Nachrichtenportale – hängt nur von den Nutzern der Plattform ab, nicht von der Plattform selbst.
Update: Ich bin nicht der einzige, der sich solche Gedanken gemacht hat. Im Upload-Magazin findet sich ein sehr gelungener Artikel, der versucht Blogs, Twitter und Lifestreams nach ihren Anwendungsgebieten einzuordnen. Sehr lesenswert!
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