Pseudowissenschaft monetarisiert
13.01.2009 von André BräklingMit Facionic ist ein Anbieter in den Weiten des Netzes aufgetaucht, der auf Basis der Pseudowissenschaft Physiognomik Persönlichkeitsprofile aus Bildern einer Person erstellt. Dazu werden einzelne Merkmale des Gesichtes überprüft und daraus Rückschlüsse auf den Persönlichkeit gezogen. Grundsätzlich ist das natürlich nichts schlimmes – ein netter Dienst, der Menschen, die Wert auf Horoskope oder die unzähligen Persönlichkeitstests legen, Freude bereiten könnte. Wer Geld dafür ausgeben mag, kann dies gerne tun… und genauso kann ein Unternehmen das Konzept nutzen, da sicherlich ein Markt vorhanden ist. Dennoch stört mich etwas an diesem Dienst.
Auf der gesamten Webseite des Anbieters wird dem Leser suggeriert, dass es sich bei der Physiognomik um eine anerkannte Wissenschaft handelt. Zwar wird desöfteren geschickt erwähnt, dass es um die Wirkung auf Mitmenschen gehe (von der auch ich glaube, dass sie sich mit wissenschaftlichen Erfahrungswerten in der Gesellschaft, z.B. dem Schönheitsideal, einschätzen lässt), jedoch konnte ich keine Stelle finden, an der explizit erklärt wird, dass man nicht zwingend von einem Gesicht auf die Persönlichkeit eines Menschen folgern kann. Die gesamte pseudowissenschaftliche Komponente des Dienstes wird geschickt vertuscht. Ganz besonders stört mich, dass in der Hilfe des Angebotes sogar die Analyse der eigenen Kinder indirekt beworben wird.
Nun mag mancher einwerfen, dass es doch die eigene Dummheit der Nutzer sei, wenn sie tatsächlich an einen akzeptierten wissenschaftlichen Hintergrund glauben. Dieses Argument würde ich bei den meisten Wahrsageangeboten u.ä. ziehen lassen, aber die Physiognomik birgt ein enormes Gefahrenpotential, wenn Menschen sie als ernsthafte Wissenschaft akzeptieren. Auf der Seite wird korrekt erwähnt, dass diese “Kunst” bereits von den alten Griechen praktiziert wurde – und genau diese lange Geschichte sollte man sich einmal ansehen, um zu erkennen, welches Problem die Einschätzung eines Menschen nur auf Basis seines Äußeren birgt.
Im 18 Jahrhundert war Johann Caspar Lavater der herausragende Verfechter der Physiognomik. Sein vierbändiges Werk “Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe” war für damalige Verhältnisse ein durchschlagender Erfolg, es kann bei Google Books eingesehen werden. Doch schon damals wurde diese “Wissenschaft” skeptisch betrachtet, so schrieb Lichtenberg 1801:
Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen, ehe sie die Thaten gethan haben, die den Galgen verdienen.
(Zitiert nach Buser, Remo (1973): Ausdruckspsychologie. Problemgeschichte, Methodik und Systematik der
Ausdruckswissenschaft. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. S.49)
Das von dort der Weg zur Eugenik der Nationalsozialisten nicht mehr weit ist, sollte recht schnell klar sein. Laut Wikipedia hat sich der US-amerikanische Germanist Richard T. Gray in seiner Arbeit “About face. German physiognomic thought from Lavater to Auschwitz” mit genau dieser Fragestellung befasst.
Doch bevor ich nun zu weit vom Thema abdrifte, möchte ich nun wieder den Bogen zu Facionic schlagen. Natürlich unterstelle ich dem Unternehmen und auch seinen Kunden keinen Rassismus o.ä. – ich verstehe den Dienst wie eingangs erwähnt lediglich als weitere Variante unzähliger, harmloser Persönlichkeitstests. Aber ich möchte an dieser Stelle ganz klar sagen, dass ich den Umgang mit diesem Thema in einer solchen wissenschaftlichen Verpackung nicht nur als unangemessen gutgläubigen Kunden gegenüber, sondern insbesondere als unverantwortlich empfinde. In meinen Augen handelt es sich um ein Produkt, das auch ohne den Versuch die Physiognomik wieder als Wissenschaft salonfähig zu machen, sicherlich genügend Kunden gefunden hätte. Dazu müsste man einfach nur auf eine esoterische statt einer wissenschaftlichen Herangehensweise wechseln.
Bildquelle: Wikipedia (Details)
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