Storyboards außerhalb von Hollywood
01.02.2010 von André Bräkling
Storyboards sind jedem bekannt, der sich gerne auch mal die Specials einer DVD ansieht. Die Story eines Films wird in vielen Skizzen im wahrsten Sinne des Wortes vorgezeichnet, so dass jeder beteiligte eine klare Vorstellung von den späteren Szenen bekommen kann. Ein praktisches, bewährtes Mittel… wieso sollte man es nicht in die Software-Entwicklung übernehmen? “Machen wir doch längst!” wird an dieser Stelle mancher sagen, aber ich möchte nicht auf Skizzen der Programmumgebung selbst hinaus. Vielmehr geht es in diesem Beitrag um die konkreten Anwendungsfälle, nicht einfach nur um das Verhalten der Oberfläche.
Auch hier höre ich die ersten Zwischenrufe. “Wir erstellen für jedes Projekt Use Case Diagramme (UML).” Doch auch dabei handelt es sich um stark formalisierte Betrachtungen. Was ist mit dem wirklichen User da draußen? Denjenigen die nicht ein einfaches Strichmännchen in einer Modellierung sind, sondern ganz spezielle Anforderungen an eine technische Lösung stellen und ganz eigene Bedürfnisse haben. Oder kurz gesagt: Menschen, denen es nicht um die Funktionalität geht, sondern um die Lösung ihres Problems.
Genau hier können richtige Storyboards mehr helfen als typische Modellierungen im Entwicklungsprozess. Sie bringen zwei konkrete Vorteile:
1. Mit einer solchen Skizze kann ein Problem oder ein Anwendungsfall recht einfach außenstehenden Personen erklärt werden. Sie müssen weder die typischen UML-Notationen kennen, noch irgendwelche Erfahrungen mit der entsprechenden Technik haben. So kann ich meine Lösung z.B. jemanden präsentieren, der von solchen Dingen keine Ahnung hat, aber sehr wohl das Geld um die Realisierung meiner Lösung zu ermöglichen. Aber ich kann auch einen User mit diesem Storyboard konfrontieren, um seine Meinung zu hören, oder es den Kollegen präsentieren, damit wir nicht nur über die gleiche Schnittstelle o.ä., sondern auch über das gleiche Problem diskutieren.
2. Während man die Skizze erstellt, können Probleme offensichtlich werden, die bei der theoretischen Taskplanung gar nicht aufgefallen sind… und die im wort case erst dann bekannt werden, wenn das Produkt auf dem Markt ist. Ein Beispiel: In einem großen Gebäude ohne Empfang o.ä. tauchen regelmäßig Boten auf, die schwere Pakete zu einer bestimmten Person bringen sollen. Da es aber nunmal keinen Empfang gibt, müssen sie sich bisher bis zu ihrem Ziel durchfragen. Nun wäre es aber zu teuer nur für solche Zwecke extra eine Empfangsdame oder einen Portier einzustellen, weshalb eine technische Lösung gesucht wird. Schnell ist ein tastaturgesteuertes Terminal installiert, das den Besucher zu seinem Wunschziel bringen soll. Ein vorher erstelltes Storyboard hätte gezeigt: der skizzierte Bote hält ein großes Paket in der Hand. Worüber ohne Storyboard vielleicht niemand nachgedacht hätte: Um die Tastatur zu bedienen, muss er das schwere Paket auf den Boden absetzen und nachher wieder hochstemmen. Also muss entweder eine brauchbare Ablagefläche her, die beim erneuten Anheben den Rücken schont… oder man überlegt sich eine alternative Lösung, z.B. mit Sprachsteuerung.
Häufig scheitert der gute Gedanke des Storyboardings aber an der Angst, die eigene Fertigkeit als Zeichner unter Beweis stellen zu müssen. Dies ist aber überhaupt nicht notwendig! Mit wenigen Linien kann man eine Szene schon deutlich angemessener darstellen, als dies mit reinen Strichmännchen möglich wäre, und dennoch muss man kein Meister der realistischen Kunst sein. Nebenstehend seht ihr eine Skizze (einen “frühen Bräkling”, wenn man so will), die einen Menschen auf der Suche nach einer Toilette zeigt. In Bild 1 bemerkt er sein Bedürfnis, in Nr. 2 läuft er verzweifelt durch das Gebäude. Verzweifelt fragt er in Bild Nr. 3 eine weitere Person nach dem Weg, die ihm in Bild Nr. 4 sofort weiterhilft. Endlich findet er in Bild 5 sein Ziel. Wahrlich kein Meisterwerk, aber spätestens mit dieser kurzen Erläuterung (hoffentlich) für jeden verständlich.
Skizzen eines Anwendungsfalls im Sinne eines Storyboards zu erstellen ist also keine geheime Kunst, die nur wenigen Begabten vorbehalten bleibt. Probiert es einfach mal bei euren Projekten aus… es kann enorm weiterhelfen und wenn man die ersten zeichnerischen Hürden genommen hat, beginnt es sogar richtig Spaß zu machen. Falls eure Skizzen nachher sogar Hollywood-Qualität erreichen und ihr in die Filmbranche wechselt, denkt bitte daran mir eine Karte zu schreiben
Vielleicht mag ja der ein oder andere in den Kommentaren ein eigenes Storyboard vorstellen und verlinken, natürlich auch gerne, wenn es schon älter ist.
Immerhin habe ich mit der WC-Skizze einen Anfang gemacht, der nicht allzu schwer zu toppen sein dürfte
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