Jakobs (2003): Hypertextsorten

Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um eine Zusammenfassung von:
Eva-Maria Jakobs. Hypertextsorten. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 31.2 (Themenheft “Deutsche Sprache im Internet und in den neuen Medien”), S. 232-273, 2003.

Die bisher bekannten Textsorten lassen sich nicht ohne weiteres auf den Hypertext übertragen. Vielmehr muss der neuen Struktur durch die Einführung sogenannter Hypertextsorten Rechnung getragen werden. Doch durch die Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten und die teils stark unterschiedliche Größe einzelner Hypertextangebote stellt sich die Frage, wie groß (oder wie klein) die zu betrachtenden Entitäten gewählt werden sollen.

Die Unterteilung aus Storrer (2000) bringt hier einen ersten Lösungsansatz durch die Unterscheidung von Hypertext und Hypertextnetz mit. So könnten vollständige Dokumentennetze wie das WWW aus der Diskussion ausgeschlossen werden, aber die Begrenzung “im Kleinen” fällt weiterhin schwer. Betrachtet man nämlich Hypertexte als institutionell, funktional oder thematisch abgeschlossene Teilnetze für einen bestimmten kommunikativen Zweck, so kann man diese Definition auch innerhalb eines einzelnen Webangebots als Maßstab anlegen, um dieses in weitere Bausteine zu zerlegen. Hier muss diskutiert werden, ob z.B. eine FAQ tatsächlich eine Hypertextsorte (Storrer) bildet, oder ob sie vielmehr ein vom übergeordneten Ganzen abhängiger Textbaustein (Jakobs) ist. Hinzu kommt, dass Hypertexte ggf. “Texte-in-Bewegung” sind, womit eine klare Abgrenzung von bisherigen, in sich abgeschlossenen Texten zu machen ist.

Hypertextsorten lassen sich mit einigen Modifikationen durch bereits bestehende Modelle beschreiben. Exemplarisch wird in diesem Text das Textmustermodell von Sandig verwendet. Zur Zeit entwickeln sich die Hypertextsorten von der Adaption bestehender Muster hin zur Ausbildung neuer, eigener Muster. Bei Betrachtung nichtsprachlicher Rahmenbedingungen muss man insbesondere den Zweck (z.B. Bildung, Unterhaltung oder E-commerce), aber auch das Zielmedium (z.B. PC oder Mobiltelefon) eines Hypertextes untersuchen. Der Zweck ist dabei die wichtigste Größe, da sie eine wichtige Kategorie zur Bestimmung funktionaler Ganzheiten darstellt.

Zur Untersuchung des sprachlichen Handlungsmittels “Hypertextsorte” sind mehr Differenzierungen zum bestehenden System notwendig:

  • Handlungshierarchie: Hier sind Ergänzungen vorzunehmen, z.B. eine Einordnung der sprachlichen Äußerungen mittels Hyperlinks (Textbestandteile, die zugleich einen Verweis darstellen und das Ziel des Verweises erläutern), aber auch der metasprachlichen Äußerungen mit Hyperlinks (Home, “mehr…”).
  • Themenhierarchie: Einführung einer eigenen Kategorie Themenstruktur.
  • Strukturierungsmuster: Ersetzt als übergeordnete Kategorie die Sequenzmuster, um ebenfalls nicht-sequenzielle Formen der Inhaltsstrukturierung berücksichtigen zu können.
  • Formulierungsmuster: Hier müssen Links und andere Navigationsmittel wie Navigationsleisten, Sitemaps, u.ä. entsprechend berücksichtigt werden.
  • Materielle Textgestalt: Diese muss nun insbesondere auch die Multimedialität von Hypertexten erfassen.
  • Interaktive Elemente: Auch diese müssen bei der Betrachtung einbezogen werden und lassen sich in zwei Unterkategorieren aufteilen: Interaktion von Individuen (E-Mail, Chat, …) und Interaktivität im Sinne des Reagierens der Softwareumgebung auf Nutzereingaben.

Hypertextsorten bedingen also weniger neue Beschreibungsansätze als vielmehr modifizierte Modelle, die ihren spezifischen Eigenschaften angepasst sind.

Zunächst haben sich Hypertextsorten aus dem bestehenden gebildet, d.h. bei der Übertragung vorhandener, linearer Texte wurde erst versucht, deren Eigenheiten beizubehalten (E-Texte). Doch nach und nach wurden sie weiter modularisiert und weitläufiger verlinkt. Mit der Zeit wurde immer mehr den vorhandenen Funktionalitäten Rechnung getragen (Suchtools, Feedbackmöglichkeiten, …), eine gewisse Verwandtschaft zu bisherigen Textsorten ist aber häufig noch zu erkennen. Seit Ende der 90er Jahre entstehen aber auch erste eigene Hypertextsorten, die nicht auf eine Vorlage zurückzuführen sind, z.B. virtuelle Kaufhäuser. Das gesamte Feld “Hypertextsorten” ist also in ständiger Bewegung und erfordert eine ständig neue, beobachtende Betrachtung.