Die Kirche und OpenSource-Entwicklungen

Vergangene Nacht stellte Robert Basic via Twitter die Frage, ob man die Kirche forken könnte und gab kurz darauf auch die Antwort selbst. Den Gedanken fand ich ziemlich amüsant… und während ich so geschmunzelt habe, kamen mir direkt ein paar weitere Ideen zum Thema, die ich hier mal zusammengeschrieben habe. Die Parallelen sind teilweise recht interessant.

Vor etwas mehr als zweitausend Jahren wurde ein junger Mann geboren. Er sah seine Aufgabe darin, den Menschen ein Produkt nahezubringen, dass die Möglichkeit bieten sollte, ein Leben passend zum heutigen Google-Motto „Don’t be evil“ zu führen. Natürlich kann man so etwas nicht alleine stemmen, weshalb er ein Team fähiger Entwickler um sich scharte. Trotz mangelnder finanzieller Mittel ihrer ursprünglichen Garagenfirma schafften sie es, ihre Entwicklung schnell zu verbreiten und eine erste Community zu gründen.

Wie so oft verärgerte diese Neuentwicklung die bisherigen Marktführer, die gemeinsam ein Quasi-Monopol aufrecht erhielten. Durch einige von diesen kam es zu einer heute schwer rekonstruierbaren Anklage, bei der sie ihre Marktmacht vermutlich auf Basis von Patenten erhalten wollten. Nach der Verurteilung verstreuten sich das übrige Entwicklerteam und die Community, aber die Arbeit wurde (teilweise unabhängig voneinander) fortgesetzt.

Jedoch sollte es nicht lange bei Einzelbestandteilen bleiben. Aus dem Untergrund heraus entwickelte sich eine Spezifikation sowie eine Foundation.

Zunächst zur Spezifikation: Sie basiert auf einer bereits früher existierenden Spezifikation und wurde um verschiedene neue Elemente erweitert. Da es mittlerweile unterschiedliche Entwicklungen gab, wurden gleich vier Kernelvarianten berücksichtigt, die sich teilweise sehr gut ergänzen konnten. Außerdem wurde dem vollständigen Systemabsturz ein eigenes Kapitel gewidmet. Bis heute bildet diese Spezifikation die Basis für die gesamte Entwicklung, wobei einige Teile inbesondere bei Portierungen in verschiedene Sprachen anders interpretiert wurden. Teilweise fand sie auch in anderen Systemen Berücksichtigung.

Die Foundation entwickelte sich in der Folgezeit rasant. Laut Wikipedia zählt sie heute mehr als eine Milliarde User. Um zu diesem Erfolg zu gelangen hat sie u.a. fremde Märkte bzw. (nach bester SEO-Manier) Stichworte der Konkurrenz blockiert, wie dieses und dieses Beispiel zeigen. Zudem wurde die eigene Position durch geschicktes Marketing ausgebaut. Auch die hohe Verfügbarkeit und die mittlerweile in unzähligen Sprachportierungen erhältliche Spezifikation hat sicherlich einen hohen Anteil am Erfolg des Gesamtkonzeptes.

Seit jeher hat sich die Foundation durch Spendengelder finanziert. Lange Zeit bot sie aber auch kostenpflichtigen Support bei Bedienfehlern an, was ein Entwickler sehr heftig kritisierte. Obwohl das Forking nicht seine Absicht war, entwickelte es sich aus seiner Kritik. Übrigens wurde er aufgrund seiner Ausführungen aus der Foundation ausgeschlossen. Einen kostenpflichtigen Support gibt es heutzutage nicht mehr, dafür aber eine monatliche, einkommensgebundene Nutzungsgebühr.

Eine Zusammenführung der zuvor durch das Forking getrennten Systeme ist mittlerweile zwar vielfach gewünscht, aber aufgrund vieler entstandener Inkompatibilitäten nicht ohne weiteres möglich.

Der Hauptkritikpunkt an der Foundation ist die teils behäbige Reaktionsgeschwindigkeit, die auf die Größe und Komplexität des über viele Jahrhunderte entstandenen Gesamtsystems zurückzuführen ist. Bestes Beispiel ist die späte Reaktion auf geänderte Hardwarebedingungen.

Kleiner Nachtrag: Da gerade religionsbezogene Dinge häufig ein recht emotionales Echo erzeugen, möchte ich betonen, dass dieser Artikel mit rein humoristischer Absicht entstanden ist. Ich bin selbst Katholik (nicht nur auf dem Papier) und beabsichtige keinesfalls irgendwelche religiösen Gefühle irgendeiner Glaubensgemeinschaft zu verletzen. Darum hoffe ich, dass ich dies nicht getan habe, und dass ich einigermaßen gut unterhalten konnte.

29 thoughts on “Die Kirche und OpenSource-Entwicklungen

  1. Hm, das erinnert mich daran, dass ich mich noch um Aufhebung der Nutzungsgebühr kümmern wollte. Denn die Spezifikation und auch die Schnittstellen kann man zumindest als Shareware mit gelegentlicher Beteiligung, wenn nicht sogar als Freeware nutzen, ohne dass es auffällt.

  2. gibts von dem system auch eine mobile-version?

    soviel ich weiss, wird die nutzungsgebühr für den standardservice als flatrate angeboten, wobei sich die höhe der flatrate am eigenen einkommen orientieren soll. add-ons sind aber individuell nutzungsabhängig. hier lohnen sich preisvergleiche durchaus. so bezahlt man in ländlichen systemhäusern z.b. für den vereinigungsservice wesentlich weniger als in städtischen, was teilweise an den dortigen maintainancekosten liegt.

    ich selbst nutze das system inzwischen nicht mehr. andere freeware lässt mir mehr freiheiten bei der individuellen entwicklungsarbeit.

  3. Sehr schöner Text, danke! Den „großen Systemabsturz“ würde ich aber eher als die große Neuimplementierung sehen (in einem neuen, bugfreien Framework :o)).

  4. ROFL! Ein wirklich gelungener Text.

    Was mir noch fehlt, ist der Hinweis auf das gelungene Artwork, vor allem das Soundsystem gefällt mir 😉 und das sagt eine, die das System nie genutzt hat und auch heute in diesem Bereich auf Eigenentwicklungen steht.

  5. Nebenbei das Team der jungen Entwickler, die der junge Mann um sich scharte,war gar nicht so fähig. Sie waren eher ein Haufen Versager. Der junge Mann hat sie erst zu dem gemacht, was sie dann waren.

  6. Ansonsten finde ich den Vergleich mit Opensource gut, wobei der Vergleich mir hier nicht neu ist. Auch die Emerging Church vergleicht die Kirche mit Opensource. Auch im Bezug auf ihre Erneuerung heute.

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